„O’zapft is“ und „O’piekst is“. Mit diesem Wortspiel bewirbt München in diesem Jahr etwas, das es so noch nicht gab: Grippe- und Corona-Impfungen direkt auf dem Oktoberfest. In der Sanitätswache kann sich jeder ohne Termin impfen lassen, täglich bis 14 Uhr. Impfpass und Krankenkassenkarte mitbringen, Ärmel hoch, fertig.
Ich will das nicht schlechtreden. Die Idee dahinter ist richtig. „Wir gehen dorthin, wo die Menschen sind“, sagt die Münchner Gesundheitsreferentin, und genau so funktioniert niedrigschwellige Gesundheitsvorsorge. Vor allem für die Bedienungen, Schausteller und Sicherheitsleute, die wochenlang in vollen Zelten arbeiten, ist das ein echtes Angebot. Und die Uhrzeit ist klug gewählt: Vor 14 Uhr sind die meisten noch nüchtern genug, um zu wissen, wozu sie Ja sagen.
Trotzdem bleibt bei mir etwas hängen. Und je länger ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr.
Was gespritzt wird, sagt niemand
Die naheliegendste Frage bei jeder Impfung lautet: Welcher Impfstoff ist das? Ich habe die Pressemitteilung der Stadt gelesen, die dpa-Meldung, die Kampagnenseite. Nirgends steht ein Präparat. Nirgends ein Hersteller.
Dabei gibt es durchaus etwas zu unterscheiden. Für die Grippesaison 2026/27 sind in Deutschland acht verschiedene Impfstoffe auf dem Markt. Für Menschen ab 60 empfiehlt die STIKO ausdrücklich Impfstoffe mit verbesserter Wirkung, also einen Hochdosis-Impfstoff oder einen mit Wirkverstärker. Ob die Wiesn-Wache so etwas vorhält, erfährt man nicht. Bei Corona gibt es zwei mRNA-Impfstoffe und einen klassischen Proteinimpfstoff. Wer bewusst kein mRNA möchte, hätte also eine Alternative. Ob die auf der Wiesn angeboten wird, erfährt man ebenfalls nicht.
Wer die Kampagne bezahlt, steht dagegen offen da
Die Wiesn-Aktion ist Teil der Initiative „München impft“, getragen von der Stadt, dem LMU Klinikum und dem TUM Klinikum. Auf deren Website sind die Sponsoren aufgeführt: BioNTech, GSK, CSL Seqirus und Moderna.
Das sind im Wesentlichen die Hersteller, deren Produkte hier infrage kommen. BioNTech und Moderna machen die beiden mRNA-Corona-Impfstoffe. CSL Seqirus stellt unter anderem einen der beiden Grippeimpfstoffe her, die für Ältere empfohlen sind. GSK produziert den RSV-Impfstoff, der auf der Wiesn zwar gar nicht verimpft wird, in der dpa-Meldung aber trotzdem einen eigenen Absatz bekommt.
Und unter den Kooperationspartnern findet sich das Medienhaus hinter Münchner Merkur und tz. Also ein Medium, das über eine Kampagne berichtet, deren Partner es ist.
Nichts davon ist verboten. Nichts davon beweist, dass hier jemand etwas verschleiert. Sponsoring von Aufklärungskampagnen ist in der Medizin üblich. Aber es ist genau die Art von Konstellation, bei der man besonders offen sein sollte.
Ich habe nachgefragt
Ich wollte es genau wissen und habe an die Kontaktadresse der Kampagne geschrieben. Welche Impfstoffe werden verwendet? Welche Rolle spielen die Sponsoren?
Die Antwort kam schnell und höflich: Für Anfragen zur Wiesn-Impfaktion sei das Gesundheitsreferat als Veranstalter zuständig. Die zuständige Mitarbeiterin der Stadt und die Pressestelle der Klinik standen in Kopie.
Das ist formal korrekt. Und es ist typisch. Jeder ist für seinen Teil zuständig, keiner für das Ganze. Eine einfache Frage bekommt keine einfache Antwort, sondern eine Zuständigkeit.
Ein Detail, das im Jubel untergeht
Der Impfschutz baut sich laut Stadt in ein bis zwei Wochen auf. Wer sich also am Vormittag impfen lässt und am Nachmittag ins Zelt geht, ist dort nicht geschützt. Der eigentliche Nutzen liegt in der Grippesaison, die meist erst um den Jahreswechsel richtig beginnt. Das ist medizinisch völlig in Ordnung. Nur passt es nicht ganz zur Botschaft „Impfen gegen die Wiesn-Grippe“.
Mein Fazit
Impfen auf dem Oktoberfest ist eine pragmatische Idee, die Menschen erreicht, die sonst nie in eine Praxis gehen würden. Das verdient Anerkennung.
Aber Medizin auf dem Jahrmarkt braucht mehr Transparenz als Medizin in der Praxis, nicht weniger. Wer zwischen Bierzelt und Fahrgeschäft den Ärmel hochkrempelt, sollte wissen dürfen, was er bekommt und wer die Kampagne dahinter finanziert. Das ist keine Impfskepsis. Das ist die Grundlage von Vertrauen.
Die Frage, was im Arm landet, sollte nie die schwierigste sein.

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