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Die Bücher vom Berg

Eine philosophische Parabel über Identität, Ideologie und Kooperation

Teil 1: Der Fund

Der Berg hatte einen Namen gehabt, einmal. Jetzt war es nur noch der Berg — der Ort, wo die Luft weniger vergiftet war, wo das Wasser noch aus einer Quelle kam, wo zwei Menschen lebten, weil es der einzige Platz war, der überhaupt noch bewohnbar war.

Marcus und Elena. Sie kannten sich nicht, bevor die Katastrophe kam. Sie kannten sich danach auch nicht richtig — aber sie brauchten einander. Das war genug.

An Tag 847 nach 2035 — so zählten sie die Zeit jetzt — fand Marcus ein Haus. Oder das, was davon übrig war. Ein Keller, zur Hälfte verschüttet, mit Papieren, die nicht mehr lesbar waren. Aber ein Buch. In Plastik gewickelt. Das Papier darin noch weiß. Die Schrift noch schwarz.

Mein Kampf, stand auf dem Rücken.

Marcus kannte diesen Titel. Aus einer anderen Welt. Er nahm das Buch mit — nicht weil er es lesen wollte, sondern weil es etwas war. Material. Papier. Etwas, das vor der Katastrophe entstanden war und überlebt hatte.

Am selben Tag, drei Kilometer weiter, in den Trümmern einer alten Bibliothek, fand Elena ein anderes Buch. Gut erhalten. Gelber Einband. Ein SPD-Parteibuch aus 2024.

Sie trug es nach Hause, wie Marcus sein Buch trug.


Teil 2: Die erste Nacht

Sie trafen sich am Brunnen, wie jeden Abend. Der Brunnen war ihre Grenze und ihre Verbindung — gleich weit entfernt von beiden Häusern.

“Ich habe etwas gefunden,” sagte Marcus.

“Ich auch,” sagte Elena.

Sie zeigten sich die Bücher. Sahen sich an, sahen die Titel, sahen sich wieder an.

Keine der beiden sagte etwas an diesem Abend. Sie gingen in ihre Häuser zurück und lasen.

Marcus las die erste Seite. Dann die zweite. Er las bis Mitternacht. Die Worte waren alt, aber sie schlugen wie Peitschenhiebe. Rasse. Lebensraum. Kampf.

Elena las ihr Buch. Seite um Seite. Gerechtigkeit. Solidarität. Menschenrechte. Demokratie.


Teil 3: Der Streit

Am nächsten Morgen trafen sie sich wieder am Brunnen.

“Das Buch, das du gefunden hast,” sagte Elena. “Das darfst du nicht lesen.”

Marcus lachte. Kurz, hart. “Das ist die einzige Wahrheit, die überhaupt noch zählt.”

“Wahrheit?” Elena’s Stimme war leise, aber scharf wie Kies. “Dieses Buch ist ein Leitfaden zum Massenmord.”

“Dein Buch,” sagte Marcus, “ist ein Leitfaden zur Auflösung. Zum Verzeihen, zur Schwäche. Das hat nicht funktioniert. Das war nie realistisch.”

Elena trat einen Schritt zurück. “Du hast das Buch gerade erst gefunden und du bist bereits –“

“Bereits was? Wach? Klar?”

Sie schwiegen. Der Brunnen plätscherte.

“Die Welt ist zusammengebrochen,” sagte Marcus weiter, “weil sie zu schwach war. Zu viele Stimmen. Zu viel Quassel über Gleichheit. Die Natur kennt keine Gleichheit. Nur Hierarchie. Nur Kraft. Dein Buch ist ein Traum von Idioten.”

Elena atmete langsam. “Und dein Buch ist der Grund, warum die Welt zusammengebrochen ist.”

“Das ist eine Lüge. Mein Buch wurde nicht gehört. Es hätte gehört werden sollen.”

“Es wurde gehört. Es wurde immer gehört. Und jedes Mal, wenn es gehört wurde, starben Millionen.”

Marcus sah sie an. “Millionen. Plural. Verschiedene Male? Oder willst du den Holocaust benutzern, um dich moralisch überlegen zu fühlen?”

Elena antwortete nicht.


Teil 4: Die Tage danach

Sie sprachen nicht mehr am Brunnen. Aber sie sahen sich jeden Morgen. Sie konnten nicht anders. Sie waren die einzigen zwei Menschen auf dem Berg.

Marcus las sein Buch zu Ende. Dann las er es nochmal. Die Worte wurden klarer, je öfter er sie las. Oder vielleicht wurde sein Verstand einfach klarer, wenn er sie las. Ein Ordnung. Eine Logik. Ein System, das erklärte, warum die Welt zusammengebrochen war. (Nicht die Hierarchie selbst. Die Schwäche, die sie nicht aufrechterhalten hatte.)

Elena las ihr Buch auch zu Ende. Dann las sie es nochmal. Und jedes Mal wurde sie wütender. Die Worte waren wahr — über Rechte, über Menschenwürde, über das, was hätte sein können. Aber die Worte waren auch Asche jetzt. Die Welt hatte nicht gehört. Die Welt war zusammengebrochen, weil zu viele Menschen wie Marcus existierten, die auf Stärke statt auf Mitgefühl hörten.

Eines Tages, beim Sammeln von Material (Kupferdraht aus einer alten Stromleitung), trafen sie sich zufällig.

“Es braucht eine neue Ordnung,” sagte Marcus, ohne Einleitung. “Klare Rollen. Klare Hierarchien. So haben Gesellschaften funktioniert, die lange überdauert haben.”

“Es braucht Vertrauen,” sagte Elena gleichzeitig. “Gegenseitige Verantwortung. Nicht Herrschaft.”

Dann merkten sie beide, dass sie gleichzeitig gesprochen hatten. Und dass beide versuchten, den anderen zu überzeugen.

Marcus lachte. “Du versuchst, mich zu retten.”

“Du versuchst, mich zu konvertieren,” sagte Elena.

“Ja.”

“Ja.”

Sie standen nebeneinander, zwischen den Trümmern.


Teil 5: Die offene Frage

Eines Tages — es könnte Tag 900 sein, oder 950 — saß Elena auf einem Stein vor ihrem Haus und las nicht. Sie saß einfach da.

Marcus sah sie von Ferne. Er las auch nicht mehr. Er saß auch einfach da.

Der Brunnen plätscherte.

Am nächsten Morgen fragte Marcus: “Glaubst du, dass es eine Wahrheit gibt? Eine echte?”

Elena antwortete lange nicht. Dann sagte sie: “Ja.”

“Welche?”

“Das weiß ich nicht. Aber wenn es nur deine Wahrheit oder meine Wahrheit gibt… dann sind wir allein. Nicht nur auf dem Berg. Überall. Immer.”

Marcus nickte.

“Dein Buch sagt, dass nur die Starken überleben,” sagte Elena.

“Ja.”

“Mein Buch sagt, dass nur die Verbundenen überleben.”

“Ja.”

“Wir überleben, weil du hier bist und ich hier bin.”

Marcus schwieg lange. “Das ist keine Wahrheit. Das ist ein Zufall.”

“Vielleicht,” sagte Elena. “Oder vielleicht ist es das einzige, das zählt. Nachdem alles andere zusammengebrochen ist.”

Sie gingen zurück zu ihren Häusern. Jeder nahm sein Buch mit sich.

Am nächsten Tag sammelten sie wieder Material. Zusammen. Sie sprachen nicht über die Bücher.

Aber nachts, in ihren getrennten Häusern, lasen sie immer noch. Und jedes Mal, wenn sie lasen, wurden sie wütender. Oder trauriger. Es war schwer zu sagen, was schlimmer war.

Der Berg schwieg. Der Brunnen plätscherte. Und die beiden Menschen lebten weiter — nicht zusammen, nicht getrennt, sondern in einem Zustand dazwischen. Überlebend. Nicht vereinigt.

Die Bücher hatten nicht die Wahrheit gebracht. Sie hatten nur zwei Menschen in zwei kleine Häuser getrieben und einen Abgrund dazwischen gebaut.

Vielleicht war das die einzige wahre Lektion, die die Bücher zu lehren hatten.


Epilog

Auf dem Tisch in Marcus’ Haus lag Mein Kampf. Auf dem Tisch in Elenas Haus lag das SPD-Parteibuch.

Und zwischen den beiden Häusern, am Brunnen, floss das Wasser. Kalt. Neutral. Ohne Meinung.

Der Berg war zu hoch für Wahrheiten. Und zu niedrig für Erlösung.

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