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Sieben Anschläge, ein Blackout

Warum die deutsche Debatte über Netzsabotage die falsche Größe misst

Am 1. September 2026 wurden zwei Umspannwerke angegriffen. Morgens in Südbrandenburg, am Umspannwerk Turnow-Preilack beim Kraftwerk Jänschwalde: selbstgebaute Flugkörper, die leitfähiges Material in Höchstspannungsleitungen einbringen sollten, dazu eine zweistellige Zahl weiterer Vorrichtungen, von denen mindestens eine detonierte. Abends im Rhein-Erft-Kreis, an der Amprion-Anlage bei Bergheim: Kabel über die Oberleitung, Kurzschluss, fünf RWE-Braunkohleblöcke fielen vom Netz, rund 3.000 Megawatt Einspeisung entfielen.

Ergebnis in beiden Fällen: kein Stromausfall. Nicht eine Minute.

Acht Monate vorher, am 3. Januar, zündete jemand unter einer Kabelbrücke über den Teltowkanal in Berlin-Lichterfelde ein Feuer. Fünf 110-kV-Kabel und zehn 10-kV-Kabel wurden irreparabel zerstört. Rund 45.000 Haushalte, etwa 100.000 Menschen, über 2.200 Betriebe, 205 Arztpraxen, Pflegeheime und Krankenhäuser waren betroffen. Bei tiefwinterlichem Wetter fiel vielerorts auch die Wärmeversorgung aus. Der Senat rief eine Großschadenslage aus und beantragte Amtshilfe der Bundeswehr. Nach rund 100 Stunden war es vorbei. Es war der längste Stromausfall in Berlin seit 1945.

Material: Brandbeschleuniger. Technischer Aufwand: minimal.

Zwischen diesen beiden Polen liegt der eigentliche Befund. Und die deutsche Debatte geht daran vorbei.


Die Bilanz

Sieben medienöffentlich dokumentierte Angriffe auf die Stromversorgung in Deutschland zwischen dem 1. Januar und dem 2. September 2026:

DatumOrtMethodeWirkung
3. JanBerlin-LichterfeldeBrandstiftung an Kabelbrückeca. 45.000 Haushalte, ca. 100 Stunden
5.–7. JanErkrath-UnterfeldhausBrandsatz unter Transformatorzündete nicht, kein Ausfall
10. JanGroßkayna / RoßbachTrafostation angezündet897 Kunden, ca. 1 Stunde
24./25. MaiGarching bei Münchenzwei Hochspannungsmastenca. 15.000 Haushalte, ca. 45 Minuten
8. JuniUmspannwerk Reutlingen-WestBrandstiftung, mehrere Brandstellenca. 40.000 Menschen, Kliniken auf Notstrom
1. SepTurnow-Preilack (Jänschwalde)Flugkörper mit leitfähigem Materialzwei Kurzschlüsse, kein Ausfall
1. SepBergheim (Amprion Rommerskirchen)Kabel über Oberleitung5 Kraftwerksblöcke vom Netz, kein Ausfall

Sieben Ereignisse in 244 Tagen. Das ergibt rechnerisch eines alle 35 Tage. Diese Zahl ist wertlos.


These 1: Ereigniszählung ist die falsche Metrik

Rechnen wir statt in Ereignissen in Personenstunden ohne Strom. Grob, mit offengelegten Annahmen:

  • Berlin: 100.000 Personen × 100 Stunden = 10.000.000
  • Reutlingen: 40.000 Personen × ca. 4 Stunden = 160.000
  • Garching: 15.000 Haushalte, geschätzt 33.000 Personen × 0,75 Stunden = 25.000
  • Großkayna: 897 Kunden, geschätzt 2.000 Personen × 1 Stunde = 2.000

Summe: rund 10,19 Millionen Personenstunden. Davon entfallen über 98 Prozent auf ein einziges Ereignis.

Die Verteilung ist nicht schief. Sie ist extrem schief. Ein Ereignis dominiert die Gesamtlast um zwei Größenordnungen. Wer „Zahl der Anschläge” als Risikoindikator führt, misst eine Größe, die mit dem tatsächlichen Schaden fast nichts zu tun hat. Er wird in Jahren mit vielen wirkungslosen Angriffen Alarm schlagen und in Jahren mit einem einzigen Treffer beruhigt sein.

Das gilt in beide Richtungen. Die Entwarnung nach dem 1. September („kein Ausfall, System stabil”) ist genauso wenig aussagekräftig wie ein Frequenzalarm. Beide zählen das Falsche.


These 2: Die Topologie schlägt die Täterfähigkeit

Das ist der kontraintuitive Kern, und er ist in den Daten sauber sichtbar.

Die technische Qualität der Angriffe ist über acht Monate deutlich gestiegen. Im Januar: Grillanzünder, Papier und Holz, ein Lüftungsgitter, das man abschraubt. Im September: selbstgebaute Flugkörper, improvisierte Sprengvorrichtungen, mindestens eine Detonation, ein Vorgehen, das der Brandenburger Innenminister als systematisch beschreibt.

Die Wirkung ist im selben Zeitraum auf null gefallen.

Der Grund liegt nicht bei den Tätern. Er liegt in der Netzarchitektur. In Lichterfelde besaß die Ringleitung keinen unabhängigen zweiten Einspeisepunkt. Beide Kabelsysteme lagen auf derselben Brücke. Die Redundanz existierte auf dem Papier und fiel durch eine gemeinsame Ursache mit aus, genau das, was in der Zuverlässigkeitstechnik Common Cause Failure heißt. Ein Feuer, zwei Systeme, ein Ausfall.

Im vermaschten Höchstspannungsnetz gilt das nicht. Als in Bergheim rund 3.000 Megawatt Einspeisung wegfielen, konnte der Übertragungsnetzbetreiber diese Leistung aus anderen Bereichen ziehen. Die Systemstabilität war zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Nicht weil die Täter schlechter waren, sondern weil das Ziel anders gebaut ist.

Ein primitiver Angriff auf einen Single Point of Failure schlägt einen ambitionierten Angriff auf ein vermaschtes Netz. Jedes Mal.

Wer das ernst nimmt, kommt zu einer unbequemen Konsequenz: Die relevante Verwundbarkeitskarte Deutschlands ist keine Karte von Tätergruppen. Sie ist eine Karte von Redundanzarchitekturen. Und die liegt öffentlich nicht vor, aus nachvollziehbaren Gründen, aber eben auch nicht in der Debatte.


These 3: Der Perimeter ist die falsche Verteidigungslinie

Nach dem Januar wurde in Berlin sichtbar reagiert. Doppelzaun, 2,40 Meter, Nato-Draht obenauf, moderne Kameras, Erschütterungssensoren, Kletterschutz, Wachpersonal bei Alarm. Von 2026 bis 2030 sollen 3,7 Milliarden Euro in Ausbau und Sicherung des Berliner Stromnetzes fließen. Bundesweit trat am 17. März 2026 das KRITIS-Dachgesetz in Kraft.

Alles davon ist Perimeterschutz. Und Perimeterschutz beantwortet die Frage: Wie halte ich jemanden davon ab, die Anlage zu betreten?

Die Septembermethode stellt diese Frage nicht. Wer leitfähiges Material aus der Distanz in eine Freileitung schießt, muss den Zaun nicht überwinden. Er muss ihn nicht einmal sehen. Erschütterungssensoren registrieren nichts, Kameras filmen ein leeres Gelände, Wachpersonal rückt zu einem Alarm aus, der nicht ausgelöst wurde.

Das ist keine Kritik an der Investition. Zäune und Sensoren wirken gegen die Januarmethode, und die Januarmethode hat den einen Treffer gelandet, der zählte. Es ist eine Kritik an der Annahme, damit sei die Aufgabe erledigt. Standoff-Delivery ist eine Perimeterumgehung, und sie war acht Monate nach Lichterfelde da.

Die belastbare Gegenmaßnahme bleibt topologisch: unabhängige Einspeisepunkte, räumlich getrennte Trassenführung, keine zwei redundanten Systeme auf einem Bauwerk. Das ist teurer als ein Zaun, dauert länger und produziert keine Pressetermine.


These 4: Die Täterfrage ist operativ folgenlos

Seit dem 1. September dreht sich die öffentliche Diskussion fast ausschließlich um die Zuordnung. Linksextremes Spektrum oder fremdstaatliche Sabotage. Der nordrhein-westfälische Innenminister lässt beide Richtungen ausdrücklich offen. Der Brandenburger Innenminister weist darauf hin, dass die Art der Tatausführung nicht zu früheren Anschlägen aus der linksextremistischen Szene passt, unter anderem weil bisher kein Bekennerschreiben vorliegt.

Für die Strafverfolgung ist diese Frage alles. Für die Netzresilienz ist sie fast nichts.

Die Kabelbrücke in Lichterfelde war ein Single Point of Failure, unabhängig davon, wer sie angezündet hat. Sie wäre es auch bei einem Baggerunfall gewesen, bei einem Kabelbrand, bei einem Hochwasser. Die Topologie kennt kein Motiv. Jede Stunde, die in die Zuordnungsdebatte fließt, fehlt in der Debatte über die eine Größe, die man tatsächlich verändern kann.

Es kommt hinzu, dass die Zuordnung bisher nicht liefert. In den sieben Ereignissen des Zeitfensters: keine öffentlich benannten Beschuldigten, keine Anklagen, keine Verurteilungen. Der einzige Fall mit konkreten Beschuldigten liegt vor dem Fenster, im September 2025, und auch dort steht ein öffentlicher Abschluss aus. Das BKA registrierte für 2025 über 300 Sabotage-Verdachtsfälle gegen kritische Infrastruktur insgesamt. Die Aufklärungsbilanz steht in auffälligem Missverhältnis zur Schadenshöhe.


Der Denkfehler bei der Netzwerkfrage

Eine verbreitete These lautet, hinter der Serie stünden mindestens zwei koordinierende Gruppen. Als Beleg wird oft ein 36-seitiges Papier vom Januar 2026 angeführt, das auf einer linken Plattform auftauchte und in dem der Aufbau eines bundesweiten Netzwerks kleiner Sabotagegruppen skizziert wird, die zeitgleich zuschlagen sollen: erst Dutzende Tatorte gegen die Bahn, später Funkmasten, später Hochspannungsleitungen.

Dieses Papier stützt die Koordinationsthese nicht. Es widerlegt sie eher.

Ein Dokument, das viele kleine, autonome, hochkonspirative Zellen fordert, beschreibt führerlosen Widerstand. Das Prinzip ist Aggregation ohne Kommandostruktur, und zwar bewusst, weil die Kommandostruktur genau das ist, was Ermittler aufrollen können. Aggregation und Koordination erzeugen ähnlich aussehende Ereignisketten, verlangen aber gegensätzliche Gegenmaßnahmen. Bei Koordination sucht man eine Verbindung. Bei Diffusion sucht man ein offen verfügbares Playbook und dessen Leser, und dann gibt es keine Verbindung zu finden.

Man kann kein Netzwerk aufrollen, das keins ist.

Auch empirisch trägt die These bislang nicht. Das Papier nennt Gleichzeitigkeit als Wirkprinzip. In acht Monaten gibt es genau ein Ereignispaar am selben Tag, und dieses Paar liegt rund zwölfeinhalb Stunden auseinander, in zwei Bundesländern. Zudem könnten die Vorrichtungen in Turnow-Preilack nach Angaben des Innenministeriums bereits einige Tage vorher angebracht worden sein. Dann ist der 1. September nicht der Tatzeitpunkt, sondern der Entdeckungszeitpunkt, und die scheinbare Synchronität löst sich auf.

Ehrlich bleibt: Mit dem, was öffentlich vorliegt, lassen sich mehrere Erklärungen nicht auseinanderhalten. Zwei koordinierende Gruppen. Ein Milieu mit Methodendrift. Nachahmer nach offenem Playbook. Ein fremdstaatlicher Akteur. Eine Mischung. Wer sich hier auf eine Variante festlegt, tut das nicht auf Basis der Daten.


Was folgt

Drei Sätze, die ich für belastbar halte:

Redundanz ist kein Zustand, sondern eine Eigenschaft mit Bedingungen. Zwei Kabel auf einer Brücke sind kein redundantes System. Sie sind ein System mit zwei Kabeln. Der Unterschied ist die räumliche und kausale Unabhängigkeit, und der wurde in Lichterfelde nicht eingehalten.

Die Risikometrik muss von der Ereigniszahl auf die Wirkungslast umgestellt werden. Personenstunden ohne Versorgung, gewichtet nach kritischer Last. Alles andere produziert Fehlsteuerung in beide Richtungen.

Perimeterschutz ist notwendig und nicht hinreichend. Er hilft gegen die Methode, die man gesehen hat. Die Methode, die als nächstes kommt, ist per Definition die, gegen die er nicht hilft.

Der Rest ist eine Investitionsentscheidung. Ein vermaschtes Netz hat die Angriffe vom 1. September ohne eine einzige Minute Ausfall absorbiert. Das ist kein Glück und kein Naturgesetz. Das ist gebaute Architektur, die irgendwann jemand bezahlt hat.

Die eigentliche Frage lautet nicht, wer geschossen hat. Sie lautet, wie viele Lichterfeldes noch im Netz stehen.


Methodik und Quellenlage

Der Datensatz umfasst sieben medienöffentlich dokumentierte Angriffe auf die Stromversorgung in Deutschland zwischen dem 1. Januar und dem 2. September 2026. Er ist kein amtliches Register. Da das BKA für 2025 über 300 Sabotage-Verdachtsfälle gegen kritische Infrastruktur über alle Sektoren registrierte, ist die hier ausgewertete Menge eine kleine, nach Schadenshöhe und Nachrichtenwert vorselektierte Teilmenge. Die Lücke zwischen dem 10. Januar und dem 24. Mai ist mit hoher Wahrscheinlichkeit teilweise eine Meldelücke und keine echte Null.

Die Personenstunden-Rechnung ist eine Größenordnungsschätzung mit den im Text offengelegten Annahmen, keine Messung. Sie ist robust gegen die Annahmen: Selbst wenn man die Nicht-Berlin-Werte verdoppelt, bleibt der Berlin-Anteil über 96 Prozent.

Eine Wirkungsaussage zum KRITIS-Dachgesetz ist mit N=7 und meldebedingter Verzerrung nicht möglich. Sie wird hier auch nicht getroffen.

Stand: 2. September 2026.

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Heads up: I live in Germany, just outside Düsseldorf — so everything here is written from that vantage point. It’s my perspective, not a universal one.

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